Hotel Fox,
Kopenhagen. Kinderzimmer On
Acid [21.04.05] Hat sich eigentlich schon
mal jemand gefragt, warum selbst in abbruchreifen
Hotels immer irgendwo eine Schuhputzmaschine
herumsteht? Die Antwort lautet schlicht und
einfach: Standard. Dieses Wort schwebt unsichtbar,
aber umso bedeutsamer über den Köpfen der
Reisenden dieser Welt. Der Standard bestimmt die
Qualität eines Hotels und ist deshalb gleichzeitig
dafür verantwortlich, dass es mittlerweile in
jedem Hotelzimmer, wie übrigens auch in jeder
Fußgängerzone von Buenos Aires bis Sydney, nahezu
gleich aussieht. Ob man am Abend zuvor also
Rum-Schorle oder Sake getrunken hat, die
Unterkunft, in der man erwacht, gibt einem selten
eine Auskunft darüber, wo zur Hölle man sich
eigentlich befindet. Zum Standard gehört ebenfalls
Kunst bzw. ein meist uninspiriert ausgewähltes
Bild, das des Savoir-vivre halber an die Wand
geknallt wurde. Stört zwar nie, ist aber auch
selten besonders erbaulich. In Kopenhagen öffnet
derzeit ein Etablissement seine Pforten, das diese
Standards zu Gunsten der Kunst nun die zweite
Geige spielen lässt. Statt Bild im Zimmer soll
gleich das ganze Zimmer das Bild bzw. Kunstwerk
sein. Hotel Fox heißt die neue Herberge. Fox wie
VW Fox, das Auto, das der Sponsor des ganzen
Projekts in Kürze lancieren wird. Zu Ehren seines
neuen Modells ließ der Automobilhersteller junge
Künstler aus aller Welt zusammenrufen, um hier
mitten in der skandinavischen Metropole das Ideal
vom perfekten Hotelzimmer zu verwirklichen. Und
das sieht, gemäß einer frühen Besichtigung der
Arbeiten, größtenteils äußerst farbenfroh und
verspielt aus. Das Zimmer als Refugium des
Touristen, in dem infantile Träume hervorgerufen
und fremde Rollen angenommen werden können,
scheint einer Mehrheit der Gestalter von Venezuela
bis Australien vorzuschweben, wenn sie ihrer
Fantasie in der vierten Dimension freien Lauf
lassen können. So befördert die deutsche
Illustratorin Birgit Amadori den Besucher in den
geheimnisvollen Art-Deco-Wald eines mysteriösen
Königs, während Graffiti-Artist Boris Hoppek aus
Barcelona den Gast direkt an die Mutterbrust legt
und das australische Kollektiv Friends With You
die Größenverhältnisse des gesamten Zimmers so
verändert, dass man wie ein niedlicher Zwerg in
"King Albino's Room" herumtollen kann. Für die
Erwachseneren unter uns stellt das Hotel einen
Fruchtbarkeitsschrein ("Welcome to your carnal
self"), ein durchweg gekacheltes Zimmer - hier
darf gekleckert werden - und eine Boxstube mit
Sandsack und Handschuhen zur Verfügung. Auch die
anderen Räume des übrigens relativ preiswerten
Hotels sind von klaren, einfachen Formen und
Farben dominiert. Kunst dient hier nicht der
Konfrontation, sondern ist schlicht und einfach
zum Wohlgefallen des Menschen vorhanden. Es ist
vorstellbar, dass diese revolutionäre Einstellung
eine Menge Befürworter zum Hotel Fox führen wird,
die lieber bei Heidi und Geißenpeter übernachten
wollen als auf Ground Zero. Obwohl eine kleine,
altmodische Schreckenskammer die Sache durchaus
angenehm abrunden könnte. Da fände sich dann
bestimmt auch ein Platz für die Schuhputzmaschine.
Autor: Martin Riemann
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